Mit dem Quatsch aufhören (II): “Der Wähler” will die Große Koalition

Das Zögern und Zaudern der SPD vor, während und nach den Koalitionsverhandlungen wird gerne beiseite gewischt mit dem Hinweis, „der Wähler“ (und die Wählerin) wolle die große Koalition. „Der Wähler“ ist dabei aber genauso eine abstrakte Figur wie „der Markt“ (wahlweise auch “die Märkte”), der z.B. dies und das von der EZB  erwarte. Wie kann man aus einem Wahlergebnis in Deutschland herauslesen, was “der Wähler” will? Man kann es nicht. Zum einen gibt es DEN Wähler nicht. Man kann bestenfalls ideologisch oder sozio-kulturell ähnlich gelagerte Wähler zu Wählergruppen zusammenfassen, aber auch das sind nur Teilgruppen einer potenziellen Wählerschaft von etwa 62 Millionen (!) Wahlberechtigten. Das höchste der Gefühle für den deutschen Wähler ist strategisches Wählen, was sich auf die Verteilung auf Erst- und Zweitstimme auf Parteien auswirken und zu Leihstimmen führen kann. Wenn man meint, dass jede Stimme abgegeben worden sei, um genau das erzielte Ergebnis zu erzielen, dann müssten sich die Wähler koordinieren. Wie aber soll man sich mit mehr als 44 Millionen anderen Wählern bei Bundestagswahl 2013 koordinieren? Dafür reicht auch eine Facebook-Gruppe nicht.

Vielleicht haben CDU-Wähler sogar auf eine Neuauflage von Schwarz-Gelb gehofft und jeder potenzielle Leihwähler der CDU setzte darauf, dass sich schon genug andere Leihwähler finden lassen. Es läge dann ein Koordinationsversagen der CDU-Leihwähler vor und es wäre mitnichten gewollt gewesen, dass die FDP aus dem Bundestag fliegt. Der Schluss vom Wahlergebnis auf den Willen „des Wählers“ unterliegt den bekannten Problemen des Schließens auf Präferenzen auf Basis beobachtbarer Phänomene. Bereits der Rückschluss auf individuelle, inhaltliche Parteipräferenzen auf Grundlage des individuellen Wahlverhaltens ist wegen der Möglichkeit strategischen Wählens schwierig. Vom Gesamtwahlergebnis auf „den Wähler“ und seine Koalitionspräferennzen zu schließen ist daher schlichtweg nicht seriös.

Aus dem Wahlergebnis von 2013 folgt mithin schwerlich für die SPD, dass sie Teil der Regierung werden muss. Die Sache liegt natürlich anders, wenn man Befragungen nach der Wahl durchführt, die im Lichte des Wahlergebnisses die Koalitionspräferenzen abfragen.

Advertisements

About ingorohlfing

I am Professor for Methods of Comparative Political Research at the Cologne Center for Comparative Politics at the University of Cologne (http://cccp.uni-koeln.de). My research interests are social science methods with an emphasis on case studies, multi-method research, and philosophy of science concerned with causation and causal inference. Substantively, I am working on party competition and parties as organizations.
This entry was posted in Große Koalition, Parteien, SPD, Uncategorized and tagged , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s