Das EFI-Gutachten und die Ab- und Zuwanderung deutscher Wissenschaftler: Ein paar kritische Anmerkungen

Das 2014er Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) schlug diese Woche einige Wellen, weil es nach wie vor eine Abwanderung der besten Wissenschaftler aus Deutschland konstatiert (brain drain, wenn man den Begriff mag). Nach einem Blick in das Gutachten (Abschnitt B2, ab S. 85) sind dazu einige Anmerkungen angebracht, die die Schlagzeilen in den Kontext rücken. Erstens, die Ergebnisse sind wenig überraschend. Zweitens, die vorgelegten Daten erlauben die Schlussfolgerung nicht. Drittens, selbst wann man zweitens nicht teilt sind die Unterschiede substanziell nicht gehaltvoll.

Ist es überraschend, dass die abwandernden, mobilen Wissenschaftler im Schnitt besser sind als die immobilen Wissenschaftler (Abb. 22)?

IF - Alle Gruppen

Quelle: Expertenkommission Forschung und Innovation (2014): Gutachten zu Forschung, Innovation und Technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands: S. 89 (Abb. 22)

Wenn man private Umzugsgründe außer Acht lässt rekrutieren ausländische Einrichtungen die besten Wissenschaftler eines Landes und nicht die durchschnittlichen. Das wird in Abb. 22 bei allen Ländern deutlich (die USA ausgenommen), da die Abwanderer einen höheren Impact haben als die Immobilen (zum Impact kommt weiter unten etwas). Dass Deutschland netto Wissenschaftler exportiert kann zudem wenig verwundern, da in Deutschland über den eigenen Bedarf hinaus sehr gute Nachwuchswissenschaftler ausgebildet werden. Insofern Promovierte nicht den wissenschaftlichen Betrieb verlassen ist es nahezu zwangsläufig, dass Deutschland eine Nettoabwanderung verzeichnet.

Es wurde wiederholt berichtet, Deutschland verliere die besten Wissenschaftler. Dies ist plausibel, ergibt sich aber nicht aus den Daten. Eine relativ kleine Gruppe sehr guter Wissenschaftler, die von ausländischen Einrichtungen angeworben werden wird mit der großen Gruppe der immobilen Wissenschaftler verglichen. Anstatt eines Aggregatvergleichs müsste man sich die Verteilung der mobilen und die Verteilung der immobilen Wissenschaftler gemeinsam anschauen, mindestens auf Ebene der Dezile. Erst wenn man sieht, wo die mobilen Wissenschaftler innerhalb der Verteilung aller Wissenschaftler liegen könnte man sagen, dass die besten gehen.

Eine weitere wesentliche Botschaft des Berichts ist, dass bessere Wissenschaftler ab- als zuwandern („Im Saldo verliert Deutschland besonders gute Wissenschaftler“, S. 87). Die Qualität eines Wissenschaftlers wird über ein Maß berechnet, das auf dem impact factor (IF) der Zeitschriften beruht, in denen man publiziert hat. Selbst wenn man es nur als Proxy sieht sind Maßzahlen dieser Art bereits hinlänglich kritisiert worden. Sieht man davon ab zeigt sich aber zudem, dass der Unterschied gering ist (Abb. 23). In Anbetracht der Zu- und Abwanderergrößen ist er womöglich statistisch signifikant. Abb. 23 verdeutlicht aber, dass wir von einem IF der Abwandernden von 1.21 reden und einem IF der Zuwandernden von 1.2. (Sehr positiv ist, dass das Gutachten eingebette Links zu den Daten im Excelformat hat. Was wiederum offenbart, dass der IF unsinnigerweise bis zur siebten Nachkommastelle berechnet wurde. Im Gutachten sind die IF bis zur dritten Nachkommastelle ausgewiesen). Substanziell gibt es also keinen nennenswerten Unterschied im IF der Zu- und Abwandernden. Die Skalierung von Abb. 23 verschleiert dies auf den ersten Blick lediglich.

Quelle: EFI-Gutachten 2014, S. 90

Quelle: Expertenkommission Forschung und Innovation (2014): Gutachten zu Forschung, Innovation und Technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands: S. 90 (Abb. 23)

Ungeachtet dieser Punkte ist trotzdem klar, dass sich am deutschen Wissenschaftssystem in vielerlei Hinsicht etwas ändern sollte. Nur aus den Zahlen des EFI-Gutachtens ergibt sich dies nicht unmittelbar.

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Rohlfing (2014). Das EFI-Gutachten und die Ab- und Zuwanderung deutscher Wissenschaftler: Ein paar kritische Anmerkungen Blog DOI: http://wp.me/pspkF-9C

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About ingorohlfing

I am Professor for Political Science, Qualitative Methods at the Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS, co-hosted by University of Bremen and Jacobs University) and Associate Editor of the American Political Science Review. My research interests are social science methods with an emphasis on case studies, multi-method research, and philosophy of science concerned with causation and causal inference. Substantively, I am working on party competition and parties as organizations.
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